Rezensionen


Im Folgenden finden Sie Rezensionen, Pressestimmen und Interviews über die Werke von Abel Inkun.

"Metaphern für eine erbarmungslose Gesellschaft" - von www.morningfog.de, 27.September 2013


Für die Science Fiction Kurzgeschichten-Sammlung “Die große Streifenlüge” hat Paul Sanker unter dem Pseudonym Abel Inkun die Geschichte “Geboren am 20. Juli” beigesteuert. Die spielt in einer Zeit, in der die Menschen ihren Geist digitalisiert haben. Maschinen-Menschen bewachen riesige Anlagen von Computerservern, auf denen die menschlichen Bewusstseinsinhalte gespeichert sind. Hauptprotagonist Benjamin, einer der Maschinen-Menschen, rebelliert. Alle Geschichten in dem Buch wurden durch Lieder von Kate inspiriert. Bei “Geboren am 20. Juli” war es der Song “Wild Man”. Paul Sanker schreibt dazu: “Inspiriert zu der Story hat mich Kate Bushs Single »Wild man«, eine Art Ode an den Yeti. Der große Alte der schneebedeckten Berge, den die Menschen gleichzeitig fürchten und verehren. Das einsame Ungeheuer, das man jagen und töten will, dem man aber gleichzeitig wie einem Gott huldigt.” Im Interview spricht Paul Sanker über düstere Zukunftsvisionen, das nötige Besinnen auf neue Ziele – und natürlich die Musik von Kate Bush. Paul Sanker ist Jahrgang 1958, lebt in Köln und arbeitet als Neurochirurg in Aachen.

 

Frage:

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass Du keine strahlenden Helden magst, die auf einem weißen Pferd dahergeritten kommen, um die Welt zu retten. Dabei liebt doch jeder strahlende Helden. Warum magst Du sie nicht?


Paul Sanker: Weil sie im wahren Leben definitiv nicht existieren! Sicher gibt es Zeitgenossen, die auf einer Werteskala eher zur Kategorie “gut” und andere in das Töpfchen “böse” einzuordnen sind. Obwohl sich bereits bei dieser Kategorisierung schwierige Fragen hinsichtlich der Definition von “Gut” und “Böse” ergeben. Auf alle Fälle gehören aber zu  jedem Menschen Ecken und Kanten… und auch geheime Abgründe, über die niemand reden möchte – und auch nicht sollte! Ich schätze es sehr, wenn jemand ehrlich und offen im Dialog mit mir ist. Gutmenschen und “political correctness” sind mir dagegen ein Greuel. Natürlich sehe ich, dass in der heutigen Gesellschaft die Lüge Konjunktur hat, und damit meine ich nicht nur die Politik.

 

Frage:

Der Protagonist von  “Geboren am 20. Juli” strahlt zwar nicht, aber letztlich ist er doch der Held und will mit seinen Mitteln die Welt retten. Ist das kein Widerspruch?


Paul Sanker: Ich sehe Benjamin eher als Revolutionär gegen ein System, das am Ende ist. Die geschilderte Gesellschaft hat keine Chance mehr, sich weiter zu entwickeln. Die Oberschicht besteht aus einer dekadenten Kaste virtueller Bewusstseinsinhalte, die sich vom wahren Leben abgewendet hat. Die Realität, das Körperlich/Kreatürliche, sind ihnen fremd und bedrohlich geworden. Darum muss es vernichtet werden. Benjamin, als Cyborg mit menschlichem Gehirn, ist dagegen ein Mittelding. Er sitzt sozusagen zwischen den Stühlen. Er gehört weder zu den “Essentials” im virtuellen Netz  noch zu den in den Wäldern lebenden “Pets”. Trotzdem muss er sich entscheiden, zu welcher Fraktion er sich zählt. Mit seiner Entscheidung geht er ein Risiko ein. Wenn am Ende das etablierte System die Oberhand behält, dann ist er kein “Held” sondern nur ein gefährlicher Terrorist, der die Ordnung gefährdet hat. So ist das nun einmal in unserer Welt: “The winner takes it all…” Hätte Luzifer mit seiner Revolte gegen Gott Erfolg gehabt, dann würde heute niemand so schlecht über den Teufel reden…

 

Frage:

Du hast vor fünf Jahren angefangen vorwiegend Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Viele davon im Science Fiction-Genre. Die Zukunft, die Du in dieser Geschichte entwirfst, klingt sehr düster, und ob es ein Happy End gibt, bleibt ebenfalls offen. Wieviel Gegenwart steckt in Deiner Zukunftsvision?


Paul Sanker: Meine Zukunfts-Visionen sind in der Regel düster, also Dystopien. Das mag an meinem Grundcharakter liegen, der eher pessimistisch gefärbt ist. Ich erwarte nicht viel Gutes von der Gesellschaft, freue mich aber umso mehr, wenn sich die Dinge besser entwickeln als befürchtet. Man kann diese Haltung ruhig „zweckpessimistisch“ nennen. Vielleicht trifft das auch für  meine Beurteilung der heutigen Gesellschaft zu. Sie ist in meinen Augen kälter und oberflächlicher geworden als sie es z.B. in den 70er oder 80er Jahren war. Die Menschen hängen zu sehr am Äußeren, anstatt sich mehr auf innere Werte zu konzentrieren. Was zählt ist Jugend und Geld. Immer höher und weiter lautet die Devise, obwohl jeder erkennen kann, dass das Ende der Wachstumsgesellschaft längst gekommen ist. Ein Umdenken und Besinnen auf neue Ziele ist erforderlich. Leider erkennt der Mensch meistens erst, dass sein bisheriger Weg endet, wenn er dicht vor dem Abgrund steht.

Ist es nicht sehr zynisch, dass in der von Dir skizzierten Gesellschaft alle Probleme, die uns heute belasten, überwunden sind, die Zukunft aber dennoch alles andere als Positiv erscheint?
Paul Sanker: Zynismus ist die Waffe derjenigen die versuchen, der trägen Masse Missstände unter die Nase zu reiben, die zum Himmel stinken aber trotzdem ignoriert werden. In Wahrheit wurden durch die Flucht in die Virtualität keine Probleme gelöst. Die Menschheit hat sich nur in einen ewigen Traum geflüchtet. Heutzutage braucht man dazu noch Alkohol oder Drogen. Der Beantwortung seiner ursprünglichen Grundfragen ist der Mensch dadurch keinen Schritt näher gekommen: Wozu lebe ich? Was ist meine Bestimmung? Welche Aufgaben habe ich zu erfüllen? Zynisch dabei ist vor allem die Wahrheit, dass es der Erde, der Natur (und Gott?) völlig schnurzegal ist, ob sich die Menschheit irgendwo im Abseits verkriecht. Das Leben geht weiter – ob mit oder ohne die „Krone der Schöpfung“.

 

Frage:

Inspirationsquelle für Dich war in diesem Fall der Song “Wild man” von Kate Bush. Wie kommt es, dass ein Neurochirurg, der über Cyborgs schreibt, sich von einem Song eines Albums inspirieren lässt, auf dem die Künstlerin in sehr unterschiedlichen Varianten dem Thema Schnee huldigt?


Paul Sanker: Ehrlich gesagt steckt in der Story auch jede Menge Inspiration aus dem Song „Army dreamers“, wo es um einen Jungen geht, der aus einem sinnlosen Krieg  im Sarg nach Hause kommt, bevor er die Chance bekam, sein Leben zu leben. Benjamins Hirn steckt ja im wahrsten Sinne des Wortes als Cyborg in einem Metall-Sarg. Auch er hatte einmal den Wunsch gehabt, ein normales Leben mit Frau und Kindern zu haben. In „Wild Man“ geht es eher um den einsamen Mann, den Außenseiter, den man fürchtet und meidet. Er lebt im Schnee, im schroffen unwirtlichen Gebirge. Man kann dieses Bild durchaus wieder als Metapher für die kalte, erbarmungslose Gesellschaft nehmen. Mit dem „Neurochirurgen“ hat das eigentlich wenig zu tun. Heute weiß ich, dass ich einst dieses Fach gewählt habe, weil ich glaubte, dass das Gehirn der wichtigste Teil des Menschen sei – als Ursprungsort der Seele gewissermaßen. Heute sehe ich das differenzierter. Wahrscheinlich hätte ich mich jetzt eher für die Kinderheilkunde entschieden. Was gibt es wichtigeres und schöneres, als Leib und Seele unserer Kinder zu schützen?

 

Frage:

Was bedeutet die Musik von Kate Bush für Dich? Auf eine ähnliche Art wie Du erzählt sie ja auch Geschichten, die manchmal ebenfalls verstörend sein können.


Paul Sanker: Kate Bush gehört für mich zu den vier Song-Interpreten, die am ehesten mein innerstes Wesen berühren. Neben Kate Bush sind das noch David Bowie, Brian Ferry und Leonard Cohen. Ihre Lieder sind nicht immer eingängig und gefällig. Wie gesagt: ich liebe es „ehrlich“ und „wahrhaftig“. Heile Welt und Verdrängung bringen uns nicht weiter. Schaut der Wahrheit ins Auge! Vor allem ein Arzt muss das tun. Er kann seinem Krebs-Patienten nichts vormachen. Das Leben ist nun einmal so… Yin und Yang. Der Fehler vieler Menschen besteht darin, dass sie immer nach den Extremen gieren: superschön, superreich, ewig jung… Darum können sie mit der anderen Seite der Medaille nicht fertig werden: alt werden, arm sein, krank werden. Das wirft viele völlig aus der Bahn! Mein Anspruch ist dagegen, ein Leben in Zufriedenheit zu führen – egal, was kommt. Kate Bushs Lieder sind nicht „weichgespült“ und gefällig. Genauso wenig sind es die Geschichten, die sie erzählt und die Typen, die sie beschreibt.

 

Frage:

Würde ein praktizierender Neurochirurg eigentlich an einer Patientin verzweifeln, die ihrem Arzt beichtet, dass sie ein Lied über Sex mit einem Schneemann geschrieben hat?
Paul Sanker: Ich würde eher an einem Patienten verzweifeln, dessen Fantasie nicht ausreicht, sich den Inhalt eines solchen Liedes bildlich vorzustellen.

"Über die Anthologie: Zwielicht" - von Film und Buch, eMagazin für Film und Literatur,


Ich möchte der Rezension folgenden Satz voranstellen: Zum Glück gibt es die Kleinverlagsszene. Während Großverlage nur noch genormte Produkte (manchmal möchte man von Büchern gar nicht mehr sprechen) herausbringen, sprießt unter den Klein- und Kleinstverlagen eine neue Generation an viel versprechenden Autoren heran. In dieser Szene haben Originalität und Einfallsreichtum noch eine Bedeutung. Besonders gilt dies für die deutsche Phantastikszene. Wahrscheinlich wird sich nun der ein oder andere Leser gehörig die Augen reiben und sich fragen: deutsche Phantastikszene? Gibt es so etwas überhaupt (noch)? Die Antwort lautet klar und deutlich: Ja. Und was in diesem Bereich veröffentlicht wird ist vor allem eines: extrem gut.

 

Ein Beispiel dafür liefert die neue Anthologie des Vincent Preis-Initiators Michael Schmidt. Vincent Preis ist, nebenbei bemerkt, der Name des deutschen Horror Awards. Zwielicht 3 lautet der Titel der Anthologie, die vor kurzem im Verlag Spahir im Stahl herausgekommen ist. In diesem Band versammeln sich bekannte und (noch) unbekannte deutsche Phantastik- und Horrorautoren. Ein weiterer Teil der Anthologie beinhaltet Artikel über Autoren und Aspekte des Unheimlichen.

 

Zunächst zu den Geschichten. Schon die erste Story “Tintige Welt” von Antje Ippensen ist eine schön-schaurige Miniatur, die an Thomas Ligotti und nicht weniger an Jorge Luis Borges erinnert. Man sollte dem Text sehr genau folgen, um die Pointe der Geschichte nachzuvollziehen. Vincent Voss mit seiner Erzählung “Wünsch dir was!” ist ein Hochgenuss an groteskem Horror, in der es die Angestellten einer Firma mit einem Obdachlosen zu tun bekommen. Abel Inkuns “Nacht im Schacht” ist nicht weniger einfallsreich. Eine Pornofilmcrew möchte in einer alten Kirche einen Film drehen. Was zunächst nach Trash klingt, ist in Wahrheit eine grandiose Mischung aus mordernem und klassischem Horror. Dominik Grittner mit “Der graue Raum” erzählt die beängstigende Geschichte einer Studentin, der ein unheimlicher Drogendealer nicht mehr von der Seite weicht.

 

Eine sehr spannende und intensive Story. Rainer Innreiter lässt seine Figuren auf einer Felsinsel stranden, nachdem sie Schiffbruch erlitten haben. Der Beginn eines makabren Leseerlebnisses. Mit der Geschichte “Das Muschelmädchen” verbindet Torsten Scheib klassische, teils barocke Phantastik mit modernem Grusel. Eine spannende Geschichte über einen Mann, der ein durchaus bizarres Erlebnis mit einer Muschel hat. Jakob Schmidts “Wintermann” ist eine Geschichte in Form eines Briefes. Eine sehr unheimliche Erzählung, die durchaus Albtraumpotential besitzt. Christian Endres liefert mit “Knochen erinnern sich” eine grandiose Geschichte ab, in der sich Western und Horror die Klinke in die Hand geben.

 

“Zwei Seelen in meiner Brust” des Herausgebers Michael Schmidt ist eine sehr schöne und düstere Horrorgeschichte, die mit klassischen Motiven des Horrors arbeitet. Lothar Nietschs “Edward” ist wiederum ein Beispiel des grotesken Horrors, während man Michael Siefeners “Im Schatten” als eine Art Dr. Faust-Erzählung bezeichnen könnte. “Biedenbach” von Achim Hildebrand ist eine grotesk-komische Erzählung über einen nervigen Bürokollegen. “

 

Jenseits der Tür” von Merlin Thomas könnte man als eine Art “Entwicklungsroman” bezeichnen, der verschiedene Phasen im Leben einer Frau festhält und der durchzogen ist von einem teils abstrakten Horror. Den Abschluss des Erzählteils bildet die Neuübersetzung der Geschichte “Das Tal der Tiere” des Horrormeisters Algernon Blackwood. Es handelt sich um eine unheimliche Jagdgeschichte, die im Hinblick auf ihre Atmosphäre sehr gut zu den übrigen Geschichten passt.

 

Der Artikelteil der Anthologie setzt sich u. a. mit dem Waldmotiv im Horrorfilm auseinander. Eine hervorragende Analyse dieses Merkmals von Oliver Kotowski. Mirko Strauch und Daniel Neugebauer zeigen in ihrem Artikel “Lovecrafts Reisetagebuch”, dass dieser Meister des Horros keineswegs der “Einsiedler von Providence” gewesen ist, sondern durchaus viele Reisen unternommen hat. Die folgenden beiden Artikel von Björn Ian Craig und Eric Hantsch setzen sich mit den Werken von Karl Edward Wagner bzw. Eddie M. Angerhuber auseinander. Eine Laudatio auf den Verleger Frank Festa von Malte S. Sembten rundet das Buch ab.

Fasst man sämtliche Kurzgeschichten zusammen, so findet man darin einen überragenden Hang zur Verspieltheit. Die Autoren wollen sich nicht festlegen lassen.

 

Sie liefern einfallsreiche, spannende und unheimliche Geschichten ab, die man gerne auch ein zweites Mal liest. Die Geschichten sind völlig unterschiedlich, sodass die Anthologie selbst zu einem Erlebnis wird. Der Leser entdeckt mit jeder neuen Story weitere originelle Ideen und Plots, was dazu führt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Man gleitet richtiggehend durch das Buch, als befände man sich in einer Gallerie des Grauens, in der jedes Bild andere Aspekte des Unheimlichen offenbart.

 

Hinzu kommt, dass sämtliche Geschichten wunderbar geschrieben sind, sodass die Anthologie nicht nur eine Entdeckungsreise durch die neue deutsche Phantastik ist, sondern zugleich ein wahrer Genuss, dem man sich gerne hingibt. Zwielicht 3 wird dadurch zu einer der besten Anthologien, die es auf dem Markt gibt.  – Dringend zu empfehlen!

 

Michael Schmidt (Hrsg): Zwielicht 3. Verlag Saphir im Stahl 2013, 423 Seiten, 9,95€, ISBN: 978-3-943948-11-0

"Interview mit Abel Inkun vom 10.11.2011 über Der Tod aus einer anderen Welt" - von Marianne Labisch


Wie versprochen habe ich Abel Inkun zu seinem Roman "Der Tod aus einer anderen Welt" interviewt.

 

Marianne Labisch: Guten Tag, Herr Inkun. Vielen Dank für Ihre Zeit und die Bereitschaft mir Fragen zu Ihrem Roman „Der Tod aus einer anderen Welt“ zu beantworten.


Abel Inkun: Es ist mir ein Vergnügen, Frau Labisch.

 

Marianne Labisch: Stephen King mochte seine Figur „Carry“ aus seinem zweiten Roman nicht. Mögen Sie Henrik?


Abel Inkun: Ehrlich gesagt: Ja! Ich identifiziere mich sogar ein Stück weit mit Henrik. Ich mag keine strahlenden Helden, die auf einem weißen Pferd daher geritten kommen, um die Welt zu retten. Ich bevorzuge die Typen mit Ecken, Kanten und Fehlern – den typischen Antihelden eben.

 

Marianne Labisch: Hätte es ein Unsympath alleine nicht getan? Warum sind alle anderen auch so negativ geraten?


Abel Inkun: Zunächst einmal ist Henrik doch im Kern gar kein schlechter Mensch. Am Ende rettet er sogar seinem einzigen Freund Tobi das Leben. Für einen angeblichen „Fiesling“ ziemlich edel oder etwa nicht? Henrik zeigt nur der verlogenen, angepassten Gesellschaft den Stinkefinger, mehr nicht. Dafür wird er gemieden und gehasst. Doch von wem wird er eigentlich gehasst? Von Mitgliedern der angeblich normalen, bürgerlichen Gesellschaft, die sich doch im Laufe der Geschichte als die eigentlichen Scheusale entpuppen. Dabei ist es egal, ob es sich um den spießigen Hauseigentümer, den schmierigen Kaufhauschef oder die dumme denunzierende Kassiererin handelt. Auch die Polizisten (die mir persönlich auch suspekt sind und die ich nicht als „Freunde und Helfer“ betrachte) entpuppen sich als kalte, ignorante Staatsschergen. Das ist der Grund, warum so viele negative Typen im Buch vorkommen. Die Gesellschaft wimmelt nun mal davon.

 

Marianne Labisch: Die Polizisten in Ihrem Roman sind nicht nur kalt und ignorant, sondern auch noch dumm, und wahrscheinlich sogar bestochen. Aber in der Realität sind glücklicherweise nicht alle so. Auch dort gibt es verantwortungsvolle Menschen, die gute und wichtige Arbeit leisten. Sie sollten nicht alle über einen Kamm scheren. 


Abel Inkun: Ich möchte nicht schnöselig erscheinen. Klar gibt es viele gute, ehrbare Polizisten. Aber die Zahl der schlechten, unmotivierten und frustrierten Zeitgenossen nimmt zu. Das gilt übrigens z.B. auch für Ärzte – da könnte ich natürlich einiges zu erzählen. Das liegt am Zeitgeist. An der Ellbogen-Gesellschaft, Geiz-ist-geil-Mentalität, an unserer aalglatten Unverbindlichkeit, so wie es uns die Medien als Ideal vorgaukeln. Einer zieht den anderen über den Tisch. Auch das schwingt als Grundthema in meinem Roman mit. Auch wenn ich vielleicht in Ihren Augen nur Gift und Galle spucke … In Wahrheit lebt ein kleiner Moralist in mir, der die Hoffnung nicht aufgibt.

 

Marianne Labisch: Mögen Sie prinzipiell keine Menschen?


Abel Inkun: Ich mag das Individuum und seinen Intellekt. Ich hasse Gruppen, Cliquen, Seilschaften und vor allem „Teams“. Gruppen sind dazu da, den Einzelnen zu bespitzeln und zu kontrollieren. Das dient dem System. Und das System ist selten menschenfreundlich. Für mich steht die Freiheit des Individuums im Vordergrund. Das Individuum ist kreativ und dient dem Leben. Die Gemeinschaft parasitiert und nimmt dir Freiheit.

 

Marianne Labisch: Ich glaube nicht, dass in jeder Gruppe bespitzelt und kontrolliert wird und an manchen Stellen geht es doch gar nicht ohne Team. Ein Arzt im OP benötigt Helfer, ein Pilot alleine wäre aufgeschmissen und es gäbe weitere Beispiele. Ich glaube, Sie meinen diese Verbände, in denen der eine dem anderen nicht über den Weg traut und hintenherum die Messer gewetzt werden. Diese Art Clique gibt es, die mag ich auch nicht. Aber es gibt sinnvolle Zweckverbände. 


Abel Inkun: Ein Team kann nur funktionieren, wenn es sich um eine Zusammenarbeit von Individualisten handelt, die sich gegenseitig befruchten. Doch das ist ein Ideal, das oft nicht erreicht wird. Meistens gibt es einen im Team, der die Richtung vorgibt und die anderen folgen kritiklos dem Alpha-Tier. Oder einer macht die Arbeit und die anderen profitieren davon. Oder einer trägt die Verantwortung, und wenn was schief geht, muss er den Kopf dafür hinhalten. Die anderen ducken sich oder wenden sich ab.


Im OP hat der Arzt seine Helfer, sicher … Aber wenn was schief geht, dann ist am Ende immer der Arzt schuld und nicht der Helfer, der vielleicht den Arm falsch gelagert hat. Klar, der Arzt kriegt dafür das meiste Geld … aber echte Teamarbeit ist das nicht.

 

Marianne Labisch: Zurück zu Ihrem Roman. Man könnte vermuten, Sie beschreiben Klischees. Natürlich gibt es solche Figuren, wie Sie sie darstellen, aber sind das nicht eher die Ausnahmen?


Abel Inkun: Nein. Ein Großteil der Gesellschaft spiegelt sich in diesen Figuren. Sie können es im täglichen Leben nur besser verbergen. Natürlich habe ich die Charaktere comicartig oder sogar slapstickartig übersteigert dargestellt. Ein Stilmittel, das entlarven soll. Aber ich glaube, dass ich gar nicht so weit weg von der Wahrheit bin.

 

Marianne Labisch: Ich bin froh, dass Sie einräumen, etwas überzeichnet zu haben. Wären Sie nicht viel einfacher mit dieser Story bei einem Publikumsverlag untergekommen, wenn Henrik ein netter Kerl wäre, der den Sieg davon trägt?


Abel Inkun: Vielleicht. Wahrscheinlich sogar! Eine Literaturagentur hat mir in der Tat geschrieben, dass sie den Roman nicht vertreten wollen, weil der Protagonist so unsympathisch sei. Der Leser könne sich nicht mit Henrik identifizieren. Aber was soll ich machen? Wenn Henrik als netter Warmduscher und Schwiegersohn-Typ daherkäme, dann wäre das nicht mehr mein Buch.

 

Marianne Labisch: Sehr interessant, auch wenn Sie mit dieser Aussage kaum Grautöne zwischen Schwarz und Weiß zulassen. Ehrlich gesagt, fand ich Henrik auch nicht so übel. Ich kann mir gut vorstellen, dass aus ihm noch etwas hätte werden können. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass er auch Qualitäten besitzt, wenn er im Onlinespiel eine Gruppe anführen kann. Er übernimmt Verantwortung, erarbeitet Strategien und beschützt seine Mitstreiter. Könnten Sie sich vorstellen, eine Fortsetzung zu schreiben? Immerhin sind am Ende noch einige Fragen offen. 


Abel Inkun: Ja. Das Ende des Buches ist tatsächlich kein richtiges Ende. Der schwarze Schattenmagier lebt schließlich noch und Tobi befindet sich auf der Flucht. Mir hat die Geschichte so viel Spaß gemacht, dass ich mir die Option für eine Fortsetzung offen halten wollte. Ehrlich gesagt wollte ich das davon abhängig machen, wie der erste Teil beim Publikum ankommt. Damals war ich noch so naiv und dachte: “Mit deiner Schreibe findest du sicher einen großen Verlag, der das Manuskript mit Kusshand nimmt!“ Denkste, Keule!

 

Marianne Labisch: Außerdem ist Tobi an einem Platz gelandet, den wir bislang noch gar nicht kennen. Ich habe zwar eine Vermutung, wo das sein könnte, aber sicher bin ich nicht. Wenn es je zu einer Fortsetzung kommt, wünsche ich mir auf jeden Fall, entweder wieder ein offenes Ende oder aber, dass der Schattenmagier seine gerechte Strafe bekommt. (Und das wäre nicht einfach sein Tod!) 


Deshalb drücke ich Ihnen die Daumen, dass „Der Tod aus einer anderen Welt“ sich gut verkauft und wünsche ihnen viel Erfolg auf Ihrem weiteren Weg.


"Rezension zu Welt im Wasserglas - Quelle: http://www.lyramada.de/2013/10/743/


Meine Gratulation zum Buch “Die Welt im Wasserglas! Es ist die attraktivste Anthologie, die ich seit Jahren gesehen habe. Wenn ich sie nicht schon von Friederike Stein erhalten hätte, würde ich sie sofort kaufen.

 

Das Einbandbild ist hervorragend gelungen, die Titelschrift sehr gut gewählt. Auch das glatte Hochglanzpapier paßt gut dazu.

 

Innen besticht das Buch ebenfalls in vielen Details: Dem guten Stil folgend finden sich Schmutztitel/Vakat, Haupttitel/Impressum, ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis, Geleit und Vorwort, dazu am Ende ein Anhang zu den Autoren bzw. Künstlern.


Für mich persönlich nicht nötig, aber ein nettes Bonbon und von moderneren Lesern wohl gern gesehen sind die wirklich sehr schönen Illustrationen, von denen einige auch noch farbig sind. Oho! Das Papier ist griffig und im Ton angenehm anzusehen, auch der Satzspiegel ist gut bemessen, mit genug Weißraum, ohne dabei zu protzen.


Etwas bedauerlich ist das Fehlen eines Schmutzblatts vor dem rückwärtigen Buchdeckel. Nur die Brotschrift schmerzt: Zwar ist die Serifenfamilie solide gewählt, der Condensed-Schnitt aber ist unangenehm zu lesen, zumal die Laufweite auch noch etwas unterschnitten ist. Angesichts der Zahl der Beiträge ist diese gequetschte Textur verständlich, für meine schon etwas älteren Augen bedeutet das allerdings, daß ich die Lesebrille in Anspruch nehmen muß.

 

Im Fazit aber freue ich mich, endlich mal wieder eine Kurzgeschichten-Anthologie zu haben, die mich mit bunter Vielfalt zu jeder Pause und Gelegenheit mit einer neuen Geschichte erfreuen kann.